Aus dem Bauch heraus · Baby & Schwangerschaft

Mein Geburtsbericht: Aus dem Bauch, direkt ins Herz. <3

„Die Geburt deines Kindes ist das einzige Blind Date bei dem Du sicher sein kannst die Liebe deines Lebens zu treffen.“*

Da dachte ich noch „Ach, schlimmer als Schwangerschaftsdemenz geht ja gar nicht“. Fail. Stilldemenz ist krasser. Richtig übel – aber praktisch – ist die „Geburtsdemenz“. Wenn ich von meiner Geburt erzähle, fange ich meistens an mit den Worten „Ach, sooo schlimm sind Wehen jetzt auch nicht…Schatz, gehts dir gut, du wirst so blass!“. Mein Mann antwortet dann meistens „Ach, wenn man davon absieht, dass ich immer noch Alpträume von deinen Schreien habe, ich vier Kilo in drei Tagen abgenommen habe (ich übrigens mehr #ätschibätsch), mir regelmässig kalte Schauer nur bei der Erinnerung über die Schulter laufen UND du Geräusche von dir gegeben hast, die ich keinem menschlichen Wesen zugetraut hätte….dann war das alles easy!“

Und das ist mein „Problem“: ich habe verdammt viel verdrängt. Äußerst praktische Einrichtiung von der Natur, denn sonst wären wir alle Einzelkinder.

Dieser Bericht beruht also auf nicht bestätigten Gerüchten („Ich wollte doch nicht weggehen. So ein Blödsinn“ „Doch, du hast erklärt, du gehst jetzt“) angeblichen Beleidigungen meinerseits („Jetzt halt einfach deine Klappe, man!) und einem bestätigten sehr hohen Cappuccinoverbrauch meinerseits. Nicht zu vergessen, unzählige Beweisfotos, die wohl eher privat bleiben („Guck mal Schatz, da wollte Emily deinen Muttermund weiten, fandest du Scheisse.“)

„Emily“ ist unsere Beleghebamme. Sie heißt natürlich nicht so, daher habe ich ihr den Spitznamen „Emily“ gegeben nach Emily Blackwell. Eine Gynäkologin und Frauenrechtlerin aus England, die das erste Frauen- und Kinderkrankenhaus in New York gegründet hat. Eine tolle, großartige Frau. Genau wie meine „Emily“. ❤

Bei einer Sache sind sich allerdings alle Parteien einig, also mein Mann, unsere supertolle Hebamme, ich und Benedikt sicherlich auch: es war ein verdammt lustiger und schöner Tag der nicht wie geplant ausging aber mit dem schönsten Ergebnis: einem gesunden Benedikt in unseren Händen.

Das Ganze ging am Samstag, den 3.März 2018, 6 Tage vor ET gut gelaunt los:

Irgendwie so um 9.00 Uhr, ich wache auf und stellte zwei Dinge positiv fest: Ich hatte das erste Mal seit 10 Monaten durchgeschlafen und verspürte etwas sehr ungewohntes: Energie. Und ich habe Wehen. Immer mal wieder so, dass sie mich in meinem Putzflash nicht störten, mich nicht von meinem Spaziergang abhielten und ich war richtig gut drauf. Mein Mann bedauerte es sehr, dass er arbeiten musste und dieses Jahresereignis nur telefonisch erleben konnte. Es scheint als wären die „Arschlochwochen“ der letzten Zeit nie dagewesen.

Es ist ein wundervoller Tag.

Sonntag, 4. März 2018, 5 Tage vor ET gegen 6.00 Uhr morgens:

Was für ein ätzender Scheisstag.

Seit um 3.00 Uhr lag ich wach. Mit meiner dicken Kugel konnte ich mich noch nicht mal theatralisch im Bett hin und herwerfen und blieb daher schlecht gelaunt auf meiner linken Seite liegen. Mittlerweile drückte meine Blase unerträglich und nachdem mein Handy den Akku aufgab (das Ladekabel lag natürlich rechts von mir) stand ich auf.

Den Rest des Tages verbrachte ich an meinem persönlichen Tiefpunkt in der Schwangerschaft. Schmerzen (üüüberall), schlechte Laune und dann war mir noch übel. Es war fürchterlich und ich ließ meine Umwelt intensiv daran teilhaben (Sorry, Schatz :D).

22.18 Uhr:

Meine Freundin erklärte mir nach meiner IchtrageallesElendderWelt-SMS per Whatsapp, dass es bald losgeht, ganz, ganz sicher. Ich zeigte ihr den Mittelfinger. Hier geht nix los!

22.25 Uhr:

Ich machte mich Bettfertig und bekomme noch einen kleinen Heulkrampf aus dem Nichts. Danach ging es mir besser. Ich war fast wieder gut gelaunt. Also. Fast halt…

22.40 Uhr:

Müde. Unfassbar müde stand ich vor unserem Bett und guckte irritiert auf die Pfütze unter mir. Und dachte in einer Sekunde verschiedene Dinge „Krass, OMG, Krass, OMG.“ „Krümelchen kommt jetzt nicht ernsthaft an meinem Geburtstag!“ „Es geht los, endlich!“ Parallel schrie ich nach meinem Mann:

„SCHATZ! SCHATZ! Meine Fruchtblase ist geplatzt!“

22:45 Uhr:

Lagebesprechung: Ich saß mittlerweile auf verschiedenen Handtüchern im Bett und studierte den Ablaufplan, den ich mit meiner Hebamme besprochen hatte und kam zu dem Ergebnis:

„Also. Ich hab nen Plan. Wir bleiben jetzt mal völlig locker und entspannt. Das Fruchtwasser ist durchsichtig, ich verliere kein Blut und Wehen hab ich auch keine mehr. Ich schreib Emily jetzt ne Whatsapp, du räumst die Spülmaschine ein und gehst schlafen. Ich weck dich wenns was Neues gibt“.

Mein Mann, der eigentlich mein Fels in der Brandung ist und höchstens nervös wird, wenn es Rabatt bei Legos (Star Wars) gibt, erklärte mir später, dass er das Bedürfnis verspürte wie ein Flummy hin und her zu springen und völlig baff über meine Aussage war und zur Sicherheit die ganze Küche schrubbte.

23:20 Uhr:

Ich bekomme Wehen und beschließe meine Hebamme streng nach Ablaufplan anzurufen.  Ihr „Jaaaaa“ beim Rangehen sagt alles „Haben wir nicht darüber gesprochen? Es wäre so toll, wenn Geburten von 8.00 Uhr bis 17.00 Uhr sind!“ Wir beschlossen voll gechillt zu bleiben und wenn die Wehen stärker werden fahren wir ins Krankenhaus und ich lass mich schon mal ans CTG anschließen. Bevor wer sich wundert, dass wir beim Blasensprung nicht sofort losgestürzt sind: Krümelchens Dickkopf Köpfchen lag seit zwei Tagen ganz schick in meinem Becken verankert.

23:25 Uhr:

Ich bestätige meiner Freundin, dass sie wohl recht hatte und mir gerade die Fruchtblase geplatzt ist. Noch eine die nicht mehr einschlafen konnte…:p

5. März 2018, 0:00 Uhr:

Ich war wohl eingeschlafen. Mein Handy mit der Wehenapp noch umklammert. Mein Mann stand wieder vor mir mit den Worten „Noch ist es nur dein Geburtstag, den verschlafe ich sicherlich nicht“ und ich bekomme den ersten Teil meiner Geschenke. Als ob er es geahnt hätte, das süßeste „Mutmachbuch“ überhaupt. Randvoll mit den liebsten Kommentaren von ihm. Nehme ich auf jeden Fall mit in den Kreißsaal. Den Mann auch.

2:30 Uhr:

Ich bin tatsächlich nochmal eingeschlafen und bekomme eine Vorstellung von schmerzhaften Wehen, die mich wecken. Aua. Das war die Tage vorher aber irgendwie netter! Deutliches Zeichen, dass die Wehen stärker werden: Ich hab kein Bock sie in die blöde Wehenapp einzutragen. Zu kompliziert in meinen Atempausen. Es nutzt nichts. Ich geh duschen und mach mich schick. Jawohl. Mit Make-up und so. Etwas anderes wird doch keiner ernsthaft von mir erwartet haben, oder?

3:00 Uhr:

Zeit für Frühstück und Lagebesprechung. Ein Zauber liegt in der Luft. Meinem Mann und mir wird klar, dass dieses Frühstück (Joghurt, Kekse, Gummibärchen und Tee) das letzte zu zweit sein wird. Etwas was ich die gesamte Schwangerschaft nicht mochte passiert, ich spüre Krümelchens Bewegungen nicht mehr. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er einfach schläft, doch meine Gelassenheit ist dahin und ich will ins Krankenhaus.

3:01 Uhr:

Krümelchen trampelt wie ein Bekloppter und wir bleiben noch zu Hause. Die Wehen fangen an sich in Arschlochwehen zu verwandeln. Mädels, übt das richtige Atmen, das ist echt die halbe Miete.

5:14 Uhr:

Ich habe leichte Blutungen bekommen und wir beschliessen dann doch mal ins Krankenhaus zu fahren. Ich hatte mir ja soooo viele Gedanken um die Kliniktasche gemacht. Vermutlich könnte ich eine wissenschaftliche Abhandlung drüber schreiben. In meiner Vorstellung musste mein Mann mich 4 Etagen samt Kliniktasche während ich Wehen im Sekundentakt hatte, runtertragen. Nun. Ganz so schlimm war es nicht. Mein Mann schleppte den Rucksack runter und ich watschelte hinterher.

5:25 Uhr, Krankenhaus-Anmeldung:

Die merkwürdigste Begrüßung in 37 Jahren kommt mir über die Lippen als wir den Hebammen gegenüber stehen. „Ja, also, wir sind hier, weil….äh…Schatz, was wollten wir nochmal?“ „Unseren Sohn auf die Welt bekommen“. Richtig!

5:30 Uhr:

Ich höre ja immer, dass Schwangere total beruhigt sind, wenn sie die Herztöne ihres Babys am CTG hören. Zu denen gehöre ich definitiv nicht, sondern bin erst überzeugt, dass mit Krümelchen also ok ist, wenn ich ihn mehrmals am Tag treten und boxen spüre. Diese Geräusche vom CTG sind für mich grauenhaft, da ich sie null einordnen kann und nachdem das CTG bei meiner Frauenärztin mit einem mal nichts ausser zwei Striche anzeigte…ist jede Gelassenheit weg.

Hier kommen aber die Vorteile von Wehen…ich habe doch glatt weniger Lust mir darüber Gedanken zu machen.

7:00 Uhr:

Emily ist da! Und es geht ins Vorwehenzimmer. Der Raum in dem wir für die letzten Untersucungen immer waren und eigentlich eher aussieht wie ein Hotelzimmer mit Whirlpool. Wir richten uns häuslich ein und meine gute Laune geht mir ab und zu mal flöten. Die Wehen werden stärker. Und stärker.

9:00 Uhr:

Wir haben die Namensfrage immer noch nicht geklärt. 10 Monate können ja schliesslich verdammt schnell um sein! Im Rennen sind noch Felix, Titus, Quentin, Benedikt, Benjamin, Maximilian, Moritz. Emily findet Titus und Benedikt am besten. Ich will auf jeden Fall Titus. Mein Mann will Tom, Magnus , Tim oder Ben. Ich nutze die Energie der nächsten Wehen um deutlich zu machen, dass ich diese Namen NICHT will.

Mein Mann möchte dass ich erwähne, dass er sehr wohl viele und vor allem ständig Namensvorschläge gemacht habt, die aber alle von mir abgelehnt wurden, da es ehemalige Liebschaften waren. Mein Mann rief irgendwann „Wie viele waren das denn noch!“. Nun….

09:30 Uhr:

Die beste Hebamme der Welt, dieses Biest, ist mit der Öffnung meines Muttermundes nicht zufrieden und versucht ihn manuell zu weiten. Das wird sie im Laufe des Tages noch öfters versuchen. DAS sind Schmerzen. Unschön. Und ich blaffe sie an, dass sie den Scheiss sofort lassen soll. Bei der Gelegenheit stellt sie fest, dass ich einen hohen Blasenriss aber keinen Blasensprung hatte. Die Fruchtblase ist also noch mehr oder weniger zu und wird von ihr aufgepickt mit einem 1 Meter langen Skalpell. Ok, es war ein Fingerhandschuh mit irgendwas rauem dran. Ich flute das Vorwehenzimmer mit Fruchtwasser. Upsi.

09:45 Uhr:

Die beste (und auch lustigste) Hebamme der Welt, dieses Aas ist mit der Intensität meiner Wehen nicht zufrieden. Ich hänge mittlerweile jaulend an der Wand und frage sie ob sie nen Knall hat. Mir persönlich reichen die Wehen. Ihr nciht. Ich lehne eine Einleitung kategorisch ab. Das derzeitge Schmerzlevel reicht mir. Mein Mann ist solidarisch mit Emily und die immer wieder hochkommende Sorge ob mit Krümelchen alles gut ist, lässt mich die Einleitungstablette nehmen. Ausserdem habe ich Hunger und so ein Spaziergang kann ja nur wehenfördernd sein.

10:15 Uhr:

Die Kantine ist sehr zu empfehlen und nach fast zehn Monaten gönne ich mir das erste Stücken Salami. Und den dritten Cappuccino oder so. Himmlisch!

10:20 Uhr:

Offensichtlich wirkt die Einleitung. Schwer veratmend, permanent stoppend, vergrub ich meinen Kopf an der Schulter meines Mannes und fing an mir zu wünschen, dass Krümelchen ganz schnell bei uns ist. Von mir aus auch auf den Fluren des Krankenhauses. Alles cool. Nur schnell und jetzt.

11:00 Uhr:

Zurück im Wehenzimmer: Mein Muttermund, das Arschloch, hat sich null geweitet. Emily versucht es weiter manuell wofür ich sie leidenschaftlich hasse. Mein Mann versorgt uns weiter mit Cappuccino, klaut die richtigen Strohhalme in der Kantine für mich und zwischen den Wehen besprechen wir die Namenssituation, neuste Produkte in der Schönheitspflege, erste Dates, Beziehungskram und typische Frauenthemen bei denen mein Mann genötigt wird die Sicht des Mannes beizusteuern. Wenn das Surrounding anders wäre, ein Cafe zum Beispiel und ich nicht ständig über die mittlerweile über die mich einprasselnden Wehen fluchen, wimmern und jaulen würde, könnte man die ganze Angelegenheit für ein Treffen von Freunden halten. Ich empfehle übrigens niemanden ein Lachkrampf während der Geburt! Einer Wehe ist das egal und es wird dann richtig mies. Also nehmt das ganze Ernst!

11:25 Uhr:

Ich erkläre wohl, dass ich jetzt gehen werde. Mir reicht das jetzt, es tut nur weh und alle sind gemein. Man kommt mir mit haltlosen Argumenten wie „und wohin, bitteschön?“. Einfach nur weg.Aber offentsichtlich bin ich geblieben.

13:38 Uhr:

Joa. Mein Muttermund hängt auf seinen 2 Zentimetern und öffnet sich kein bisschen weiter. Nächste Einleitungstablette und damit ich nicht wirklich noch gehe werde ich an den Buskopantropf angeschlossen. Zur Sicherheit lässt uns Emily eine Stunde mal in Ruhe und mein Mann und ich liegen gemeinsam veratmend auf dem Bett.  Hand in Hand, Kopf an Kopf zusammen durch jede Wehe.

15:00 Uhr:

Solangsam habe ich die Schnauze voll. Ich bin fertig, mein Optimismus auf eine natürliche Geburt verlässt mich solangsam, mein blöder Muttermund weitet sich kaum und meine Wehen sind dafür unverschämt schmerzhaft. Zumal ich ja jetzt auch nicht die ganze Zeit Buskopan bekommen kann. Das Wort PDA fällt und wir ziehen in den Kreissaal um.

15:30 Uhr, Kreissaal:

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Für mehr Realität in Social Media. So sehe ich aus, wenn ich randvoll mit PDA bin und am Wehentropf hänge. Jawohl: glücklich. 😛

Gebt mir eine PDA und ein Cappuccino und das Leben ist schön! Ab jetzt wird der Wehentropf auf Anschlag gedreht damit mein Muttermund sich richtig weitet. Unsere illustre Runde klönt weiter fröhlich zusammen, worüber weiß ich nicht mehr. Die Stimmung ist aber verdammt gut. Im Gegensatz zum Krankenhausessen. Würg.

Ich wollte ja lange keine PDA sondern auf jeden Fall eine natürliche Geburt. Kaiserschnitt und PDA waren die absoluten Horrorszenarien für mich. Das mit der PDA habe ich schon revidiert als wir hörten, dass er vermutlich ein Geburtsgewicht von 4 Kilo haben wird („Ach, man darf eine PDA ja jetzt auch nicht verteufeln.“) Wehen können ein Schmerzlevel erreichen, die einen einfach ein bisschen bescheuert machen. Bescheuert wäre es, wenn man diesen Schmerz unbedingt aushalten will. Eine Geburt ist schliesslich kein Wettbewerb. Und wofür gibts die Dinger?

 

18:30 Uhr:

Lagebesprechung nach Muttermundsuntersuchung: Das verflixte Ding hockte auf maximal 3 Zentimetern fest. Und das war schon großzügig. Immerhin wissen wir nun, dass Krümelchen Haare hat, die ließen sich schon erfühlen. Und irgendwie ergriff mich bei dieser Aussage das erste mal Angst um unser Kind. Keine Ahnung warum, CTG war prima, wir waren in absolute besten Händen und dennoch wurde der Gedanke immer lauter „hier stimmt was nicht“. Vielleicht weil er buchstäblich „zum Greifen nah war und doch so fern“.

Meiner Hebamme ging es ähnlich und sie wollte Rücksprache mit der Ärztin. Es wurde gesprächig. Emily sprach mit der Ärztin, Ärztin mit mir, Emily wieder mit der Ärztin und schließlich sprachen beide mit uns: Denkt doch mal über einen Kaiserschnitt nach.

Wenn ich eins nicht wollte, dann das Krümelchen per Kaiserschnitt auf die Welt kommt. Sooo groß war meine Angst, dass ich dann vielleicht nicht stillen kann (braucht wer Milch?), dass wir keine enge Bindung aufbauen können (so ein Bullshit!)  und auch einfach, weil dies mit 37 durchaus meine erste und einzige Schwangerschaft sein kann. Und die möchte ich bitte ganz natürlich erleben.

Es gibt aber eins, dass ich mehr als alles andere möchte und das ist unseren Sohn aufwachsen zu erleben. Ich rechne es dem Krankenhaus hoch an, dass sie uns das Gefühl gegeben haben, dass wir eine Wahl haben, dass wir uns überlegen können, ob wir es weiter probieren möchten oder Krümelchen per Kaiserschnitt holen lassen. Ich glaube dieser Umgang mit mir, hilft sehr, dass ich Krümelchens Geburtstag als den schönsten Tag in meinem Leben bezeichnen kann.

19:00 Uhr:

Mein Mann und ich waren alleine, das CTG geräuschte vor sich hin und mein Instinkt gewann die Oberhand. Ich will einen Kaiserschnitt. Sofort. Das passt alles nicht zusammen. Vor über 20 Stunden hat sich Krümelchen auf den Weg gemacht und irgendetwas hält ihn ab zu seinen Eltern zu kommen. Ok. Dann helfen wir.

19:30 Uhr:

Das Aufklärungsgespräch für den Kaiserschnitt ist zum Abgewöhnen. Wie gut, dass ich randvoll mit PDA, Hormonen und Adrenalin bin. Mir sind die Nebenwirkungen und Risiken mittlerweile völlig egal, ich will nur, dass Krümelchen gesund auf die Welt kommt.

20:10 Uhr, OP-Raum und die letzten Minuten im Kreissaal:

Mein Mann zieht sich gerade um und trägt schickes Krankenhausblau. Er jammert die Kleidung wäre zu eng. Ich kichere. Das vergeht mir als mit einem mal viele unbekannte Menschen um mich herum stehen und mich auf eine Trage umlagern. Ich werde motzig und bekomme Angst als ich in den OP-Saal geschoben werde. Ich weiß noch, dass der Anästhesist super nett ist und mir wohl auch jeden Schritt erklärt. Solangsam schleicht sich das Gefühl von einer gerade sehr unpassenden Panikattacke meine Kehle hoch, parallel dazu sehe ich, dass dieses Scheiß CTG wieder an ist und ich fange an zu heulen. Völlig irrational habe ich panische Angst, dass auf den letzten Metern irgendetwas schief geht. Dazu kann ich mich mittlerweile gar nicht mehr rühren, da mein rechter Arm mit der Blutdruckmanschette erschwert ist und er auch fest geschnallt wurde. Ich meine, dass ich meinen linken Arm auch nicht bewegen konnte, mein Mann sagt, das lag eher daran, dass er die ganze Zeit meinen Hand gehalten hat.

In jedem Fall fühle ich mich allein, hilflos und habe grässliche Angst um Krümelchen. Ich sehe Emily nicht und verlange sie sofort zu sehen. Sie stand die ganze Zeit neben mir und wuselte auch an mir rum. Upsi.

Mein Bauch wird desinfiziert, der Anästhesist checkt ob die Betäubung wirkt, ich behaupte nein, da ich jetzt noch Angst habe, dass ich aufgeschnitten werde, obwohl die Betäubung noch nicht sitzt. Währenddessen wird ein grüner Vorhang so aufgebaut, dass ich den Eingriff nicht sehen kann und mein Mann nicht gleich auf den Boden knallt vor lauter Blut. Das CTG zeigt keine Herztöne an und mein letztes bisschen Fassung ist weg. Ich schreie nach meiner Hebamme, dass es Krümelchen nicht gut geht, das CTG zeigt nichts an, wo ist mein Mann.

20:30 Uhr: 

Emily hatte wohl das CTG schlicht ausgeschaltet.

Ein mit Mund- und Kopfschutz maskierter Mann nimmt meine Hand und küsst mich auf den Kopf. Ich bin völlig verdattert und möchte ihn empört zum Teufel jagen.  Im letzten Moment erkenne ich meinen Mann an seiner Brille. Die PDA scheint nicht nur unterhalb meiner Taille alles zu betäuben.

Der Anästhesist ist sich seiner Sache sicher und oberhalb des grünen Vorhangs werde ich gefragt ob ich „das“ merke. Vermutlich kneift man mich gehörig in den Bauch und da kein Widerspruch kommt, zwinkert mir die Ärztin zu und verkündet, dass wir unseren Kleinen gleich im Arm haben.

Mein Mann und ich gucken uns die gesamte Zeit in die Augen, ich am Weinen, er beruhigt mich. Das einzige was ich physisch merke ist, dass ich wohl geschnitten werde aber an ein Drücken, Ziehen oder sonst was kann ich mich absolut nicht erinnern. Psychisch…bin ich kurz vorm Hyperventilieren. Ich war nicht nur 276 Tage schwanger sondern wollte auch eine gefühlte Ewigkeit ein Kind mit meinem Mann bekommen. In meiner Vorstellung hatte ich mir alle möglichen Szenarien ausgedacht, wie der Moment ist, wenn ich Krümelchen das erste mal höre, sehe, fühle, rieche. Und ich lag so falsch.

20:40 Uhr:

Als wir Krümelchens ersten Schrei hörten – eigentlich war es ein empörtes Meckern wie jemand, der sich noch warmmeckern muss –  und er – abrupt rausgerissen aus seiner warmen, weichen Welt –  uns mit seinen riesengroßen Augen völlig erstaunt anguckte, erlebte ich alle schönen Empfindungen auf einmal: grenzenlose Erleichterung, unendlich dankbar, zutiefst glücklich, schockverliebt und ich war völlig fassungslos, dass Krümelchen Realität ist.

Vollbeschmaddert wie er war und am Schimpfen wurde er von uns abgeknutscht. Einen schöneren Duft hatte ich noch nie gerochen. Mein Mann durfte symbolisch die Nabelschnur durchtrennen, ich wurde zugenäht, bedankte mich ca. 1479 mal bei allen die ich grad so sah und Krümelchen bondete mit seinem Papa währenddessen unter der Wärmelampe. Es wäre übrigens in Ordnung gewesen, wenn man mich mit Gaffa Tape getapt hätte, Hauptsache ich kann schnell zu unserem Sohn.

21:10 Uhr (oder so), wieder im Kreissaal:

Der hatte sich mittlerweile überlegt, dass es zwar wunderbar ist mit Papa unter der Wärmelampe und er seine Küsse sehr geniesst aber er fragt sich schon, was für ein Service das in diesem Laden ist: Er hat Hunger.

Sollten wir Zweifel haben: spätestens beim Anlegen an meine Brust war klar, dass wir seine Eltern sind. Beim Essen hört der Spaß auf: blanke Gier in den Augen, zielsicheres Finden der Nahrungsquelle und augenblickliches Verspeisen. Wir verstehen dich. 😀 (Übrigens: das klingt vielleicht einfach aber ohne Hilfe wären wir verzweifelt)

Irgendwo dazwischen erfuhren wir den Grund für den Geburtsstillstand: der Kleine Schlingel hatte sich die Nabelschnur um den Hals, das Bein und den Arm gewickelt und zwei Ärzte mussten wohl richtig ackern um ihn rauszuholen. Logisch, dass er so festgezurrt kein Millimeter weiter kam. Das entspricht dann übrigens auch meiner persönlichen Horrorvorstellung, die Realität wurde und dennoch gut ausging. 100 % Sauerstoffgehalt in der Nabelschnur sprechen für sich. Und damit gibts keine Ausreden für schlechte Schulnoten, junger Mann!

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Und sooo, Ladies and Gentlemen, sah dann die Realität im Familienzimmer aus: Ich hatte ein hängendes Auge von der PDA, dafür konnte ich meinen rechten Arm nicht heben. Unser Kind lag auf und an meiner Brust, ich war fix und fertig und bereit für 6 Wochen Kur oder so, gleichzeitig bekam ich mein Lächeln nicht aus meinem Gesicht und hatte Energie wie selten, mein Mann nuschelte irgendwas von „wir brauchen einen Namen für Krümelchen“ (Sooo typisch für uns! 22 Stunden Geburt, 10 Monate Schwangerschaft, laaanger Kinderwunsch, haben natürlich NICHT gereicht um dieses Detail zu klären!) und – als würde sich die Erde weiterdrehen- wurde aus uns beiden Mama und Papa und aus „Krümelchen“ Benedikt Titus. ❤

 

 

Alles Liebe

Eure Nita

*Quelle: stand an einer Wand im Krankenhaus

 

3 Kommentare zu „Mein Geburtsbericht: Aus dem Bauch, direkt ins Herz. <3

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