Baby & Schwangerschaft

„Hier stimmt was nicht“ – Fluch und Segen der Pränataldiagnostik

Ihr seid ja eher humoristische Beiträge von mir gewöhnt.

Doch leider mussten wir eine Sitution überstehen, da half selbst schwarzer Humor nicht mehr.

Spoiler: Es ging gut aus bei uns aber diese 24 Stunden werde ich so schnell nicht vergessen. Deren Auswirkungen erst recht nicht.

Da ich ja die magische „35“ überschritten hatte und damit auch rein pathologisch eine Risikoschwangerschaft habe und das Risiko gestiegen ist, dass unser Nachwuchs nicht gesund sein könnte (Trisomie etc.) haben wir uns frühzeitig für den Chromosomentest entschieden. Der Pränatest ist ein Bluttest, der verdammt zuverlässig ist (hoff ich doch! Zumindest liegt seine Zuverlässigkeit laut Statistiken bei 99,8 %) und relativ  frühzeitig also in der 12. SSW durchgeführt werden kann. Das Wort „frühzeitig“ ist für mich natürlich trotzdem blanker Hohn, denn wenn das Ergebnis negativ gewesen wäre….Nun, Nichtschwanger geht man mit diesem Thema rationaler um als wenn man sich schon 3 Monate als Mama und Papa fühlt.

Die Vorteile beim Pränatest liegen auf der Hand: Zuverlässiger als Nackenfaltenmessung und risikoloser als die Fruchtwasseruntersuchung zu der mir aufgrund der höheren Gefahr einer Fehlgeburt eh abgeraten wurde. Wir mussten knapp 300 Euro zahlen, nicht gerade wenig. Doch die hohe Genauigkeit und Risikolosigkeit waren es uns wert. Getestet wird auf Trisomie 21, 18, 13 und eine Fehlverteilung der Geschlechtschromosomen X und Y.

Mit erhöhtem Puls gab ich also mein Blut (meine halbe Schwangerschaft scheint übrigens aus Blutabgeben zu bestehen. Am Ende habe ich vermutlich Arme wie ein Junkie oder sehe aus wie früher  als ich mit Blutspenden mein Partyleben Studium finanziert habe) und wartete geduldig (hahaha!) eine Woche ab bis der Anruf meiner Frauenärztin kam, die mein Lebenselixier an das Labor geschickt hatte.

„Ja, also, Sie müssten nochmal ran. Das Labor konnte den Test nicht durchführen, es war ein Tag zu früh.“

Ich erspare euch mal meine Antwort und gab wieder Blut mit dem Unterschied, dass ich dieses mal 2 Wochen (ZWEI WOCHEN!!!) auf das Ergebnis warten musste, da meine Arztpraxis im durchaus wohlverdienten Sommerurlaub war.

Es ist nicht schön drei Wochen auf ein Ergebnis zu warten von dem durchaus was abhängt. Ich hatte gerade die „kritischen 12 Wochen“ glücklich überstanden und das nächste Damoklesschwert tauchte auf.

Es war hässlich und jeder mir gesagt hätte „bleib locker“ hätte ich empfohlen ungesichert den Mont Everest zu besteigen. Und dabei bitte locker bleiben.

Wo wir schon dabei sind. Hier eine kleine Auswahl an Dingen, die man besser zu einer Schwangeren in dieser Situation nicht sagt. Warum? Weil sie anmassend, null empathisch und schlicht nicht beruhigend sind. Daneben wie es besser geht:

„wird schon nichts sein“                                „Ich verstehe dich und glaube ganz fest,                                                                                    dass alles gut wird.“

„immer positiv denken“                                „Ich verstehe dich und glaube ganz fest,                                                                                     dass alles gut wird.“

„denk mal an was anderes“                         „Lust auf Shoppen?“

Irgendwann waren diese 2 Wochen endlich und gleichzeitig viel zu schnell um und wir hatten den Termin bei unserer Frauenärztin.

Und dann klingelte morgens das Telefon. Meine Arztpraxis. Ich hatte meine Schwiegermutter gerade in der Leitung, legte kommentarlos auf (ich wusste nicht mehr wie „meld mich gleich“ geht) und nahm ab.

„Hier ist Himbeertörtchen (Anonymität ist wichtig) von der Praxis Sachertorte und ich wollte fragen, ob Sie und ihr Mann eventuell eine halbe Stunde früher kommen können, da jemand abgesagt hat und das Wichtigste: der Laborbericht hat absolut keinerlei Auffälligkeiten ergeben, die Werte sind super!“

Mir fielen alle, alle Gebirge der Welt von der Schulter und ich ertappte mich zu denken „war ja klar“.

Mein Mann und ich schwebten also voll mit Glückshormonen in die Praxis zum Ultraschall und zur Untersuchung.

Und dann sahen wir ihn wieder. Aus unserem kleinen Tintenklecks war ein Minimenschlein geworden. Ich schwöre, ich habe selten etwas so verzaubernderes gesehen und Krümelchen rockte noch weiter: er nippte am Fruchtwasser und steckte sich dann wieder den Daumen in den Mund (eigentlich in die Nase, na gut, er poppelte). Mein Mann und ich guckten uns an und so oft sehe ich ihn nicht vor Freude weinen doch da hatte er feuchte Augen ❤

In der gleichen Sekunde in der wir auf dem Höhepunkt des Glücks waren, hörte ich meine Frauenärztin sagen „hier stimmt etwas nicht.“

Sie sah Flüssigkeitsansammlung in seinem Köpfchen und eine Zyste in meiner Gebärmutter.

Von da an nahm ich alles nur noch durch Watte wahr. In meinem Kopf war das totale Chaos und ohne meinen Mann der in einer unserer wichtigsten Stunden Stärke bewies als ich sie nicht mehr hatte, weiß ich nicht wie ich das überstanden hätte.

Sie brach die Untersuchung ab, vereinbarte für den nächsten Tag einen Termin beim Pränataldiagnostiker (was für Berliner Verhältnisse quasi sofort ist) und versuchte uns Mut zuzusprechen. Kam bei mir nicht an. Das einzige was ich schreiend und heulend rausbrachte war „Ich glaub den Scheiß nicht, ein Baby das seinen Schluckreflex trainiert, hat nichts!“.

Dank meinem Mann haben wir den Tag, die Nacht und den Morgen irgendwie überstanden und um 13 Uhr saßen wir beim Pränataldiagnositker. Anamnese schriftlich. Anamnese mündlich. Gab es in Ihrer Familie Auffälligkeiten. Bei Ihrem Mann. Irgendwelche Behinderungen. Fehlgeburten. Trisonomie. Nein. Nein. NEIN. NEIN. NEIN. NEEEIN!

Die Untersuchung war grauenvoll und wunderschön zugleich. Wir hatten mit dem Arzt vorher abgesprochen, dass er erst nach der Schallung etwas sagen wird. Krümelchen zu sehen mit dieser Angst im Hinterkopf war hart und schön zugleich. Und Krümelchen turnte, boxte, wackelte und irgendwann meinte unser Arzt, dass es super wäre, wenn wir unserem Nachwuchs vermitteln könnten, mal still zu halten. Ich fing an mich zu entspannen. Kein Arzt der Welt der auch nur einen Funken Empathie hat, bringt solche Sätze und reißt einem dann den Boden unter den Füßen weg.

„Also, ich gebe mir wirklich müde, aber ich kann ihrem Nachwuchs keine Anomalie andichten. Alles ist genauso wie es sein soll.“

Ich weinte und lachte gleichzeitig und war noch nie in meinem Leben so erleichtert. Bei meinem Mann, der es schaffte uns  in unseren schlimmsten Stunden (und das waren definitiv die dunkelsten in unserem Leben und wir hatten schon ausreichend dunkle Momente) aufrecht zu halten, fiel die Anspannung und unendliche Sorge beim Rausgehen von seinen Schultern. Nie zuvor hab ich ich ihn so ausschnaufen erlebt ❤

Und auch hier lagen wie einen Tag zuvor unfassbare Angst und unvorstellbares Glück in einer Sekunde.

Tja, und die Quintessenz? Gibts die? Fakt ist, ohne die heutigen Untersuchungsmöglichkeiten hätten wir keine Untersuchung gebraucht um bestätigt zu bekommen, dass es Krümelchen prima geht. Wie Milliarden von Familien vorher hätten wir die zehn Monate warten müssen.

Ziemlich bitter eigentlich. Durch Untersuchungsmöglichkeiten brauchen wir Untersuchungsmöglichkeiten um bestätigt zu bekommen, dass alles gut ist.

Unserer Frauenärztin machen wir übrigens keine Vorwürfe, denn a) sind ihre Geräte längst nicht so super duper gut wie in der Pränatalklinik und b) war es unsere Entscheidung die Möglichkeiten der modernen Technik zu nutzen.

Was hat es mit mir gemacht?

Ich gehe bis heute nicht mehr so unbefangen zu meinen Untersuchungen wie vor der Schockvermutung. (Als ob es nicht reichen würde, dass mir dort, unter den hämisch grinsenden Blicken meines Mannes, mein Gewicht verraten wird :D)

Aber.

Ich bin gelassener und zuversichtlicher geworden. Neulich waren meine Blutzuckerwerte zu hoch und das böse Wort „Schwangerschaftsdiabetes“ fiel. Es hat mich kaum gejuckt (*hust* also… für meine Verhältnisse 😉 ) da ich wußte, dass alles gut ist und der Verursacher eher mein Brötchen zuvor ist. Und so wars. Ich habe gebeten mir nur Bescheid zu geben, wenn beim zweiten Test was rauskommt. Kam wohl nichts.

Ich habe bis heute kaum etwas über die Geburt an sich gegoogelt und gelesen und die Geburt macht mir bis dato null Angst. Naja, fast null. Als ich hörte, dass wir uns auf ein > 4 Kilo Krümelchen einrichten können, fand ich die Idee einer PDA doch ziemlich gut und meine Phantasie „also ich mach das ja alles ganz natürlich, ohne Hilfsmittel“ verblasste ziemlich 😉

Wir würden die Tests übrigens wieder machen. Wenn ich ein paar Jahre jünger wäre, sicherlich nicht. Doch mal ehrlich. Vor einigen Jahren war es eher noch die Ausnahme mit Mitte 30 schwanger zu werden, jetzt ist es normaler. Genauso wie die jungen Mädels schneller geschlechtsreif werden. Ich gehe davon aus, dass im Laufe der nächsten Jahre die Definition „35 = Risikoschwangerschaft“ nach oben gesetzt wird. Genauso wie das Renteneintrittsalter.

 

Alles Liebe

Eure Nita

 

 

 

 

 

 

 

 

6 Kommentare zu „„Hier stimmt was nicht“ – Fluch und Segen der Pränataldiagnostik

  1. Oh meine Liebe, ich hatte Tränen in den Augen, weil es ganz furchtbar sein muss mit dieser Ungewissheit. Ich habe da leider auch was durch. Egal jetzt. Ich freue mich so sehr für euch, dass alles in Ordnung ist und…ok, wir kennen uns ja nicht wirklich…Aber im heutigen Zeitalter…Computer…andere lernen ihren Traumpartner dort kennen…oder den neuen Hund… 😉 …. ICH WÜNSCHE EUCH ALLES ERDENKLICH GUTE UND ICH DRÜCK DICH GANZ MEGA FEST…soweit sich das mit deinem Körperumfang vereinbaren lässt. 😉
    Liebe Grüße Yvonne ❤

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    1. Schatzi! ❤ Sooo lieben Dank für deine teilnehmenden Zeilen. :* Ich les raus, dass du auch was durch hast und das tut mir sehr leid! Dieses ganze "Schwangerschaftsding" ist einfach keine Selbstverständlichkeit. Und ja, Ungewissheit ist grauenvoll. Ich drücke dich ganz doll zurück, meine Arme berühren vielleicht deine Schultern, werd ja hier nicht schlanker 😀
      Sei ganz lieb gegrüßt, Anita :***

      Gefällt 1 Person

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